Unsere Wege hätten unterschiedlicher kaum sein können.
Marcel ist Bergbauer im Albulatal. Ich bin Koch aus der Steiermark. Der eine arbeitet mit Boden, Pflanzen und Natur. Der andere mit Geschmack, Menschen und der Küche.
Was uns verbindet, ist die gemeinsame Überzeugung, dass aussergewöhnliche Lebensmittel nicht einfach entstehen. Sie brauchen Menschen, die mit Leidenschaft etwas aufbauen – und Menschen, die erkennen, was daraus entstehen kann.
Diese Seite erzählt deshalb mehr als zwei Lebensgeschichten. Sie erzählt den Weg, der uns geprägt hat. Den Weg, der über viele Jahre Vertrauen geschaffen hat und ohne den die Albula Bergkartoffeln, die Bergackerbohnen und unsere gemeinsame Arbeit nie das geworden wäre, was sie heute sind.
Wer verstehen möchte, warum dieses Projekt funktioniert, warum diese Verbindung trägt und warum hinter jedem Lebensmittel eine Geschichte steht, findet hier die Menschen dahinter.
Die Geschichte beginnt in der Küche
Meine Geschichte mit den Bergkartoffeln beginnt eigentlich nicht auf dem Acker, sondern in der Küche.
Schon als kleiner Bub in der oststeirischen Hügellandschaft wusste ich: Ich werde Koch. Ich war gerade sechs Jahre alt, als dieser Traum entstand. Beim Schulabschluss waren meine Lehrer noch anderer Meinung. Zum Glück habe ich trotzdem an meinem Traum festgehalten.
Vom steirischen Wirtshaus in die Welt der Spitzengastronomie
Meine ersten Schritte machte ich in einem traditionellen steirischen Wirtshaus. Dort lernte ich die klassische österreichische Küche von Grund auf kennen – und mit den langen Arbeitstagen auch das nötige Durchhaltevermögen. Gleichzeitig wurde mir bewusst: Wenn ich meinen Traum verwirklichen wollte, musste ich hinaus in die grosse weite Welt.
Meine Ausbildung führte mich ins Fünf-Sterne-Grandhotel Regina nach Grindelwald. Dort durfte ich die französische Küche von Grund auf erlernen. Die ersten Monate ging ich oft mit zittrigen Beinen in die Küche. Nicht wegen der über vierzig Köchinnen und Köche, sondern wegen des Führungsstils unseres Küchenchefs, der eher an das Militär erinnerte. Heute blicke ich mit grosser Dankbarkeit auf diese Zeit zurück. Er wurde zu meinem ersten wichtigen Mentor und legte den Grundstein für meinen weiteren Weg.
Es folgten zehn prägende Jahre im Engadin. Dort erlebte ich nicht nur die Entwicklung der Spitzengastronomie, sondern auch die Welt der Spitzensportler, die für ihr Höhentraining ins Engadin kamen. Diese Begegnungen haben mich geprägt. Vielleicht war ich nie der talentierteste Sportler, aber mein Ehrgeiz, meine Ausdauer und mein Wille, jeden Tag besser zu werden, begleiteten mich genauso in der Küche wie im Sport. Bis heute ist Langlaufen meine grosse Leidenschaft.
Eine Küche mit Blick über den Tellerrand
In dieser Zeit durften wir die «Vollwertige Küche» in der Spitzengastronomie entscheidend mitprägen. Lange bevor Begriffe wie «Superfood» oder «Fermentation» in aller Munde waren, arbeiteten wir bereits mit Getreide wie Amaranth und Quinoa, mit Tofu sowie mit fermentierten Produkten wie Miso oder hausgemachtem Kombucha. Für uns war das kein Trend, sondern Ausdruck einer Küche, die Natürlichkeit, Qualität und Gesundheit selbstverständlich miteinander verband.
Die Verbindung zwischen Landwirtschaft und Küche entsteht
Als ich 1997 die Küchenleitung im Restaurant Chrueg in Wollerau übernahm, begann ein neues Kapitel. Gemeinsam mit engagierten Bauern entstanden die ersten Projekte – von der Perlhuhnzucht bis zum Galloway-Rind. Mich faszinierte immer mehr die Frage, welchen Einfluss Haltung, Fütterung und insbesondere Stress vor der Schlachtung auf die Qualität eines Lebensmittels haben. Diese Zusammenarbeit hat meinen Blick auf Landwirtschaft und Genuss nachhaltig geprägt.
Eine prägende Reise durch Südostasien veränderte nicht nur meinen Blick auf Essen und Genuss, sondern auf das Leben. In abgelegenen Regionen von Laos begegnete ich Menschen, die materiell wenig besassen, aber eine beeindruckende Zufriedenheit und Lebensfreude ausstrahlten. Diese Erfahrung machte mich demütiger und bewusster dafür, dass nichts im Leben selbstverständlich ist.
Seitdem sehe ich Lebensmittel, ihre Herkunft und die Menschen dahinter mit noch grösserer Wertschätzung.
Natürlich hat nicht alles, was ich im Leben begonnen habe, den Weg genommen, den ich mir vorgestellt hatte. Manche Ideen waren ihrer Zeit vielleicht voraus – wie der Bündner Edelhahn, für den damals noch nicht der richtige Moment gekommen war. Doch jede dieser Erfahrungen hat mich etwas gelehrt und meinen Blick für Menschen, Lebensmittel und Zusammenhänge weiter geschärft.
Eine wunderbare Ergänzung auf diesem Weg war meine Arbeit als Genusstrainer. Ich durfte erleben, wie schnell sich bei Menschen ein Schalter umlegen kann, wenn Wissen, Humor und persönliche Erfahrung zusammenkommen. Wenn aus einem alltäglichen Lebensmittel plötzlich etwas Besonderes wird, weil man seine Geschichte versteht.
Wenn ein Lebensmittel seine Geschichte erzählt
Und eines ist über all die Jahre geblieben und hat mich immer weitergetragen: die Albula Bergkartoffel. Sie verbindet alles, was mir wichtig ist – den Boden, die Menschen, die Küche und die Geschichten dahinter.
Doch rückblickend ist mir eines noch wichtiger geworden als die Kartoffel selbst: der Mensch. Die Freundschaft und das Vertrauen, die zwischen Marcel und mir über all die Jahre gewachsen sind, bedeuten mir unendlich viel. Sie sind das Fundament unserer Zusammenarbeit. Und ohne sie gäbe es diese Website wohl gar nicht.
Vertrauen, das keinen Vertrag braucht
Vielleicht zeigt sich dieses Vertrauen nirgendwo deutlicher als darin, dass wir bis heute keinen klassischen Vertrag brauchen. Unsere Zusammenarbeit basiert seit vielen Jahren auf einem Handschlag – auf Verlässlichkeit, gegenseitigem Respekt und dem Vertrauen, dass jeder von uns Verantwortung für seinen Teil des gemeinsamen Weges übernimmt.
Ein Bauer, der in Generationen denkt
Wer Marcel begegnet, merkt schnell: Er ist nicht einfach Bauer. Er ist ein Mensch, der die Natur aufmerksam beobachtet, Zusammenhänge verstehen möchte und seinen Hof mit grosser Leidenschaft stetig weiterentwickelt.
Gemeinsam mit seiner Frau Sabina und den drei Töchtern Ladina-Madlaina, Laura-Bignia und Andrina-Seraina bewirtschaftet er den Biohof Las Sorts im wunderschönen Albulatal auf rund 1000 Metern Höhe. Seit vielen Jahren entstehen hier Albula Bergkartoffeln, Bergackerbohnen und Berggetreide – begleitet von einer vielfältigen Tierwelt und einem Hof voller Leben.
Ein Weg, der nicht geplant war
Dabei war der Weg in die Landwirtschaft keineswegs vorgezeichnet. Dass Marcel heute mit seiner Arbeit weit über die Grenzen seines Hofes hinaus Aufmerksamkeit erhält, begann ursprünglich mit einer Ausbildung als Forstwart. Erst während einer Reise nach Neuseeland, wo er auf einem Bauernhof arbeitete, entdeckte er seine Begeisterung für die Landwirtschaft. Zurück in der Schweiz absolvierte er eine zweite Lehre als Landwirt und schloss später auch die Meisterprüfung erfolgreich ab.
Sein Wissen gibt er mit derselben Begeisterung weiter. Bis 2026 durfte er bereits 35 Lernende auf dem Biohof Las Sorts ausbilden. Junge Menschen für die Landwirtschaft zu begeistern, gehört für ihn genauso selbstverständlich zum Hof wie eine gute Ernte.
Lernen mit der Natur
Die Berglandwirtschaft stellt jeden Tag neue Herausforderungen. Kurze Vegetationsperioden, Spätfröste, steinige Böden und wechselhaftes Wetter verlangen viel Erfahrung und Geduld. Dazu kommt, dass jede Kartoffelsorte ihren eigenen Charakter besitzt – nicht nur später in der Küche, sondern bereits draussen auf dem Feld. Und jedes Jahr bietet nur eine einzige Gelegenheit, Erfahrungen umzusetzen und daraus zu lernen.
Ein Hof mit Blick in die Zukunft
In den vergangenen Jahren hat sich Marcel intensiv der biologisch regenerativen Landwirtschaft verschrieben. Bodenfruchtbarkeit, Artenvielfalt und langfristiges Denken stehen heute im Zentrum seiner Arbeit. Agroforst, vielfältige Fruchtfolgen und lebendige Böden sind für ihn keine Trends, sondern Ausdruck seiner Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.
Nicht in Ernten denken, sondern in Generationen
Diese Haltung zeigt sich auch in einer kleinen Geschichte.
Als Marcel im Herbst 2025 bereits die dritte Agroforst-Reihe pflanzte, erzählte er voller Begeisterung von Nussbäumen, Birnbäumen, Ahorn, Eichen, Birken und Winterlinden. Als wir später nachlasen, dass eine Winterlinde bis zu tausend Jahre alt werden kann, meinte er schmunzelnd, er müsse wohl einmal in seinem Testament ein Motorsägenverbot für den Biohof Las Sorts verfügen.
Und tatsächlich: In den vergangenen 20 Jahren hat Marcel rund um den Hof etwa 200 Bäume gepflanzt. Fast ebenso viele Kartoffelsorten haben wir in dieser Zeit ausprobiert. Beides erzählt viel über seine Art zu arbeiten: beobachten, ausprobieren, lernen – und immer wieder Neues wachsen lassen.
Dieser Satz beschreibt ihn vielleicht besser als jede lange Erklärung.
Marcel denkt nicht in Ernten. Er denkt in Generationen.
Der Name Las Sorts bedeutet im Rätoromanischen sinngemäss «das Schicksal». Für Marcel und Sabina ist daraus längst eine Haltung geworden. Das Leben lässt sich nicht vollständig planen – aber man kann Verantwortung übernehmen und seinen Hof Schritt für Schritt so entwickeln, dass auch kommende Generationen davon leben können.
Was auf den ersten Blick wie ein abgelegener Bergbetrieb wirkt, ist in Wirklichkeit ein Ort, an dem Wissen, Erfahrung und Respekt vor der Natur zusammenkommen.
Wissen weitergeben, Zukunft gestalten
Mit seiner Offenheit und seiner Bereitschaft, Erfahrungen zu teilen, ist Marcel heute für viele Berufskolleginnen und Berufskollegen ein geschätzter Ansprechpartner. Besonders junge Landwirtinnen und Landwirte interessieren sich für seine Erfahrungen. Das wachsende Interesse an einer klimafreundlichen und regenerativen Landwirtschaft im Kanton Graubünden, nicht zuletzt durch Projekte wie «Klimabauern», zeigt, wie aktuell diese Themen geworden sind.
Heute engagiert sich Marcel auch am Plantahof (landwirtschaftliche Schule) sowie in Kursen und Hofführungen. Dabei geht es ihm nicht darum, fertige Rezepte zu vermitteln. Vielmehr möchte er andere ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden und die Ideen einer regenerativen Landwirtschaft an die Gegebenheiten ihres Hofes anzupassen.
Gerade dieser Gedanke verbindet uns. Aus meiner Zeit in der Gastronomie weiss ich, wie wertvoll es ist, möglichst viele Küchen, Arbeitsweisen und Menschen kennenzulernen. Nicht um sie zu kopieren, sondern um daraus den eigenen Stil zu entwickeln. In der Landwirtschaft ist es ähnlich: Jede Erfahrung erweitert den Blick – doch jeder Hof braucht seinen eigenen Weg.
Zwei Wege – eine gemeinsame Vision
Marcel bringt mit Wissen, Geduld und einem feinen Gespür für Boden und Natur das Beste aus unseren Feldern hervor. Ich bringe meine Erfahrung aus Küche und Genuss ein und mache sichtbar, was vom Boden bis zur Küche entsteht.
Aus einer Zusammenarbeit ist eine Freundschaft geworden. Aus unterschiedlichen Erfahrungen ist eine gemeinsame Vision entstanden. Und aus dieser Vision wachsen bis heute Albula Bergkartoffeln, Bergackerbohnen und viele neue Ideen.
«Denn gute Lebensmittel erzählen immer auch die Geschichte der Menschen, die sie gemeinsam möglich machen.»